Pressestimmen


Am 24.10.19 im Schwäbischen Tagblatt, Tübingen

Melodien der Lüge
Das freie Theater Katafalk hatte neulich mit Ulrich Hubs Komödie "Das Schlafzimmer von Alice" Premiere im Tübinger Sudhaus.


Von Stephan Gokeler

Ihre Motive sind unterschiedlich, aber moralisch verkommen sind sie alle. "Die Leute glauben alles, wenn ihnen die Geschichte gefällt", ist das Motto des Kleinstadt-Bürgermeisters (gespielt von Didier Schniegel), auf dessen Silvesterparty sich die örtliche Prominenz vom korrupten Polizeipräsidenten (Peter Müller) bis zur Lokaljournalistin auf Ananas-Ingwer-Diät (Tanja Möck) ein Stelldichein gibt. Seinen Durchbruch feierte der Schultes mit einer Wahlkampagne, begleitet von einem schmierigen Berater (Axel Kösters) und dem Slogan "Alle illegalen Einwanderer sollte man in Hasenkostüme stecken, damit die Jäger etwas zum Üben haben!"

Mit viel Spielfreude

Flüchtlinge, Kinder, Gott: Es gibt kein Tabu in dieser Gesellschaft, das nicht fallen würde, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Trotzdem ist "Das Schlafzimmer von Alice" des 1963 in Tübingen geborenen Autors Ulrich Hub, einem der meistgespielten Kinder- und Jugendtheaterautoren hierzulande, eine Komödie - wenn auch eine bittere. Alles spielt sich im Schlafzimmer des Bürgermeister-Ehepaars ab, Alice (Waltraud Balmer) ist die darob verzweifelte Gattin des Bürgermeisters. Inszeniert von Bernd Köhler, taucht mit diesem Stück das Theater Katafalk wieder in der hiesigen Theaterlandschaft auf. Geburtsstätte des Ensembles war die Landesarbeitsgemeinschaft Theater und Schule. Vor einigen Jahren löste sich die Schauspieltruppe aus Theaterpädagogen auf, am Samstag kehrte sie mit der ausverkauften Premiere im Sudhaus zurück. Die Darsteller werfen sich mit viel Spielfreude in ihre skurrilen Charaktere (in weiteren Rollen Gabriele Stillings und Rudolf Renner). Immer dann, wenn sie besonders dreist lügen, fangen sie an zu singen.

Faszination fürs Morbide

Die Stärke der Inszenierung liegt darin, dass die Figuren trotz ihrer recht klischeehaften Anlage im Stück nicht platt wirken. Der Polizeipräsident ist ob seiner eigenen und der Schlechtigkeit der Welt zum Melancholiker geworden. Und selbst der Bürgermeister ist angewidert vom Kleinstadt-Kosmos, mit dem er sich selbst umgibt: "Wenn ich euch alle anschaue, wächst meine Sehnsucht nach Südamerika ins Unermessliche." Die Journalistin bekennt ihre "wahnsinnige Faszination für alles Morbide". Die zuweilen arg holzschnittartig wirkende Handlung gerät darüber zum Glück in den Hintergrund. Weitaus beeindruckender sind die Beziehungen der Protagonisten untereinander und die Präsenz ihrer Darsteller. Hier wird gelogen und betrogen, aber das mit vollem Einsatz.




Am 12.11.19 in der Schwäbischen Zeitung, Laupheim

Theater Katafalk erntet viel Applaus
Schauspieler glänzen bei ihrem letzten Auftritt mit der Boulevard-Komödie


Von Franz Liesch

LAUPHEIM - Mit der höchst amüsanten Boulevard-Komödie "Das Schlafzimmer von Alice" ist das Theater Katafalk am zurückliegenden Wochenende in der Aula des Carl-Laemmle-Gymnasiums aufgetreten. Nahezu im Minutentakt entlockte das Schauspiel bei der Aufführung am Samstag Lacher beim Publikum. So überzogen das Stück auch scheint, so drängt sich doch der Gedanke an Aktualität auf. Thematisiert werden in der Komödie Korruption, Geldveruntreuung, Narzissmus, Machtmissbrauch, Manipulation und Populismus, und das auf unterhaltsame Weise. Im Zentrum stehen ein Bürgermeister (Didier Schniegel) und seine Ehefrau Alice (Waltraud Balmer). Ort der Handlung: das eheliche Schlafzimmer. Das Ehebett hat der Bühnenbildner leicht erhöht, um dem Publikum Einblick zu verschaffen. Die Vorhänge um die Liegestatt dienten mal als Sichtschutz, mal als Theatervorhang.

Verliebter Einbrecher

Schon der Auftakt ist furios und grotesk. Da überfällt ein Einbrecher das sich zankende Bügermeister-Ehepaar in eben dessen Schlafzimmer. Verkehrte Welt: Der Einbrecher verfällt der Ehefrau, macht ihr Komplimente ("Du bist die schönste Frau der Welt"), verhilft ihr unverhofft zu einer Perlenkette, gegeseitige Sympathien entwickeln sich. Nach dem Verschwinden des Diebs sollte die Ehefrau die Perlenkette zurückgeben. Sie war eigentlich gedacht als Geschenk für die Geliebte des Bürgermeisters. Der Zwist eskaliert und dessen Ende bekommt der Schultes von seiner Frau einen so starken Hieb ab, dass er ohnmächtig zu Boden sinkt. Und jetzt? Das Haus voller Silvester-Partygäste und der Hausherr außer Gefecht. Eine Kettenreaktion wird ausgelöst, was Stoff abgibt zu einer Menge Gags. Die Gäste erscheinen einer nach dem anderen im Schlafzimmer. Da ist die Gift spritzende Mutter des Bürgermeisters (Gabriele Stillings), die ihren Sohn trotz seiner Schwächen bedingungslos in Schutz nimmt. Da ist der schleimige PR-Berater (Axel Kösters), der dem Bürgermeister zum Wahlsieg verholfen hat, obgleich er eine Flasche ist. Viel Gelächter verbreitet der wienerisch sprechenende sturzbetrunkene Polizeipräsident (Peter Müller). Der Mann ist eine Lachnummer und beruflich eine totale Fehlbesetzung ("Sie sind eine Niete", so der PR-Berater). Ganz kräftig mischt rund um das Stadtoberhaupt dessen Geliebte (Tanja Möck) mit, die Journalistin der Kleinstadtgesellschaft. Kühlen Kopf bewahrt der einfache Schutzpolizist (Rudolf Renner). Der Komödie mangelt es nicht an grotesken Szenen und Turbulenzen. Dazu zählt die fingierte Entführung des Kleinstadt-Schultes, ein Einfall des PR-Managers, um das vergilbte Ansehen seines Kunden bei seinen Wählern wieder aufzupäppeln. Sind die Anspielungen auf die real existierende Gesellschaft überzogen? Man muss dies verneinen. Man denkt an Donald Trump der eben erst wegen Betrügerei bei seiner Stiftung verurteilt wurde. Man denkt an Boris Johnson und dessen Lügengebäude in der Brexit-Diskussion. Man denkt an die "b'soffne G'schichten" eines Heinz-Christian Strache. Ob wohl der wienerische Dialekt des Polizeipräsidenten eine Andeutung darauf sein soll? Man denkt an kuriose Äußerungen so manches Populisten bei der Wahlkampfparole des Bürgermeisters, der vorschlägt, illegale Einwanderer in Hasenkostüme zu stecken und sie den Jägern als Übungszielscheiben zu präsentieren. Mit diesem Wahlkampfmotto geht er bei der Wahl als Sieger hervor. Doch von all dem wusste Ulrich Hub, Autor von "Das Schlafzimmer von Alice", nichts, als er die Komödie 2005 zu Papier brachte. Hub ist Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und erfolgreicher Schriftsteller von Kinder- und Erwachsenenbüchern. Er hat viel Humor, Überraschungen, Satire und Gesellschaftskritik in die Komödie hineingepackt. Es kommt keine Langeweile auf. Nicht alles ist Klischee, was so erscheint.

Nach 20 Jahren ist Schluss

Man scheut sich davor, von einer Laiendarbietungen zu sprechen. Die Spieler überzeugen in ihren Rollen, jeder bringt auf seine Weise Farbe in den Auftritt. Ein Profi führt Regie: Bernd Köhler. Er ist freischaffender Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge. Auch die teilweise Verwendung des Dialekts weckte Sympathie. Das Publikum bedankte sich am Schluss mit reichlich Applaus. Dieser brandete vor allem auf, wenn Didier Schniegel und Waltraud Balmer an die Bühnenrampe traten. 20 Jahre lang war der Theatertrupp Katafalk regelmäßig zu Gast in Laupheim. Insgesamt traten die Hobby-Schaupieler zehn Mal vor das Publikum. Am Sonntag war es das letzte Mal, die Gruppe löst sich auf.