Pressestimmen


Am 6. 3. 2006 im "Schwäbischen Tagblatt"

Nach dem Absturz
Das Theater Katafalk guckt auf die Überflüssigen in den Chefetagen

TÜBINGEN (dhe). Ob jemand sie einmal vermissen wird (die Zeiten könnten sich ja ändern)? Das Winner-Lächeln, die gespannt aufrechte Haltung, die irgendwie über die eigene Körpergröße hinausweisen will, der geradeaus in die Ferne gerichtete "Horizontblick" überm Nadelstreifenanzug beziehungsweise Business-Kostüm? Noch sind sie so eine Art physiognomische Insignien des Erfolgs, und das "Meeting", in dem sich das Theater Katafalk am Wochenende auf der Sudhaus-Bühne zeigte, schien nur so zu sprühen vor Adrenalin.

Fitness-Training für Top-Leute Nur das Wort "Outplacement" irritiert in der elegant-minimalistischen Geschäftsatmosphäre zwischen schwarzem Leder, Chrom und Glastisch. Es wird von der dauerlächelnden blonden Frau Wrage (geschmeidig-geschäftsmäßig: Bärbel Schwerdt) in die Runde geworfen, die ihr Business-Englisch in einem internationalen Bankhaus gelernt hat. Schließlich geht es in Urs Widmers Stück "Top Dogs" um die Arbeitslosen ganz oben. Im Zuge der Globalisierung überflüssig gewordene -- also geschasste -- Topmanager sollen von der New Challenge Company NCC für neue Aufgaben fit gemacht werden.

Wrage ist Beraterin bei der NCC. Auch sie hat ihren Absturz hinter sich. Ihr früherer Job als Analystin bei der Chase Manhattan Bank dürfte entschieden mehr Prestige gehabt haben. Wie genau sie sich aus eigener Erfahrung in ihre Schützlinge hineinversetzen kann, erfahren die rund 100 Zuschauer bei der Premiere am Samstag erst einige bitterböse Rollenspiele später. In denen sieht man Bihler, Tschudi, Neuenschwander und Krause ihre Kündigungen nachspielen samt den privaten Begleitumständen zu Hause.

So stellen etwa Bihler und Tschudi Bihlers Entlassung nach. Bihler ist der Chef, Tschudi spielt Bihler. Da ist schon ohne Worte ziemlich entlarvend, wer wem die Krücke hält. Ganz abgesehen von dem Frust, den die Rausgekickten sonst mit sich selbst abmachen dürfen. "Dass die über 50-Jährigen zu teuer sind. Und dass man sie schon gar nicht mehr nimmt, wenn sie unter ihren Preis gehen." Klar, dass Frau Müller mit dieser k.o.-Einstellung nicht die erste ist, die wieder eine Stelle findet.

Nur nicht wählerisch sein Diesen Triumph kann sich Frau Jenkins anheften. Auch wenn es nicht New York wird, sondern eine südkoreanische Provinzstadt, irgendwo in der Nähe der Grenze zu Nordkorea. "Asien stand zwar nicht auf meinem Lebensplan (...)", aber da darf sie nicht so heikel sein.

Die so rasant wie bitterböse inszenierten "Top Dogs" dürften eins der Glanzstücke in der Geschichte des Ensembles Katafalk sein. In ihm spielen drei Frauen und fünf Männer aus der Region Reutlingen-Tübingen seit inzwischen zehn Jahren unter der Regie des Schauspielers, Regisseurs und Theaterspielers Bernd Köhler Theater.



Am 14. 3. 2006 in der "SCHWÄBISCHEN ZEITUNG"

Die Entlassung demütigt auch die Oberen


... Nicht nur "Underdogs", Arbeitnehmer in untergeordneten Positionen, erleiden das Schicksal, arbeitslos zu werden; auch "Top Dogs" — Top-Manager — sind davon betroffen. In einem "Wiederaufbereitungsseminar" der New Challenge Company (NCC) sollen sie, die Wegrationalisierten beziehungsweise Überflüssigen, für neue Aufgaben fit gemacht werden.

Frau Wrage (Bärbel Schwerdt), einst in einer Spitzenposition bei der Chase Manhattan Bank tätig, fungiert nunmehr als Beraterin bei der NCC. Sie macht die Teilnehmenden mit einem neuen Gruppenmitglied bekannt: Herr Deér (Didier Schniegel) erfährt von ihr, dass er von der Swissair entlassen und durch einen Jüngeren ersetzt wurde. Er will es nicht wahrhaben, da er sich für unersetzlich hält.

Im Grunde werden aber alle — Business-dressed wie gewohnt — nicht mit ihrer neuen Situation fertig. Frau Müller (Gabriele Stillings) hat scheinbar keine Probleme damit; ihr Mann dagegen musste in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden. Herr Neuenschwander (Rudolf Renner) klammert sich an seinen am Entlassungstag erworbenen Porsche 911, den er jedoch nicht fährt, sondern nur in der Garage aufheulen lässt. Und Frau Wrage schwärmt von einem dreiwöchigen Fünf-Sterne-Urlaub in der Karibik, den sie anschließend in vollen Zügen genossen habe, aber in Wirklichkeit wie eine Gefängnisstrafe auf dem Zimmer absaß. Herr Tschudi (Axel Kösters) fand angeblich Halt in seiner Familie, während Herr Krause (Benn Kobler) immer noch nicht fassen kann, dass ihn sein Chef, mit dem ihn doch ein fast freundschaftliches Verhältnis verband, fallengelassen hat.

Während an der Körperhaltung gearbeitet wird, bei deren Training die Kandidaten auf groteske Weise verbogen werden, eskalieren die bis dahin hinter einer bröckeligen Fassade kaschierten Gefühle im Rollenspiel. Auch ehemaligen Top-Managern fällt es nicht leicht, den Verlust von Ehepartner, Kind und Prestige zu verkraften. Eine Entlassung ist eben demütigend. Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass sich keiner der Seminaristen selbst um einen neuen Job kümmert. Wie erstarrt warten sie offensichtlich darauf, attraktive oder angemessene Angebote zu erhalten und wieder in die Reihen der Höchsten aufgenommen zu werden. Immerhin: Frau Jenkins kann sich über eine neue Tätigkeit in Korea freuen. Korea entspricht zwar nicht ihrem Lebensplan, aber sie ist wieder wer. Die übrigen ehemaligen "Top Dogs" bleiben mitsamt dem Neuzugang Dr. Lux (Ulli Bost) als "arme Hunde" im Schulungskarussell zurück.

Ein beeindruckendes Stück, das engagiert, mit Humor und überzeugend dargeboten wurde, und dessen Gehalt durch das minimalistische, in Schwarz-Weiß gehaltene Bühnenbild einen weiteren Vermittler fand. Das Publikum dankte den Schauspielern mit lang anhaftendem, begeistertem Applaus.