Pressestimmen


Am 27. 11. 2009 in der "Südwest Presse", Regionalausgabe Dietenheim

Spiegel des eigenen Selbst
Theater "Katafalk" gibt umjubeltes Gastspiel "Lehrernacht" im Kulturstadel


Donnernden Applaus bekamen die Schauspieler der Tübinger Theatergruppe "Katafalk" für "Lehrernacht" von Bodo Kirchhoff. Es geht um das Verhältnis Schüler und Lehrer, eine stets besondere Beziehung: Scheinbar ist es nur ein Arbeitsverhältnis mit klar definierten Autoritäten. In der täglichen Realität der Schulen erkennt man aber schnell ein zermürbendes Aufeinander von Frust, Wut und Enttäuschungen. Wohl, weil die Erwartungen an den jeweils anderen nie in Gänze erfüllt werden.

Genau um diesen Blick in die eigenen Abgründe, geht es Bodo Kirchhoff mit seiner "Lehrernacht". Die Lehrertypen, die an diesem kalten Winterabend nach und nach im Konferenzraum des Tübinger Hölderlin-Gymnasiums erscheinen, verkörpern prägnant die markanten Charaktere der Lehrermannschaft. Und schrammen nur knapp an den gängigen Pädagogen-Klischees vorbei: Eine moralinsaure, gestrenge Direktorin, gespielt von Traudel Gerstlauer, den Technik affinen Biologielehrer (Rudolf Renner), der in der Natur keine Zufälle vermutet, den linksliberal, versnobten Geschichtslehrer (Axel Kösters), die modisch-freakige Junglehrerin, Generation Facebook (Anja Landenberger), die berufstätige, Dauer gestresste Mutter (Waltraud Balmer), die Dritte Welt-Feministin (Tanja Möck), ihr Alt-68-er Ehemann mit BMW (Benn Kobler) und der naive Sportlehrer, der von Didier Schniegel gespielt wird.

Sie alle sollen in dem Raum mit nicht funktionierender Heizung einen schwierigen Fall klären. Hat der selbstbewusste Schüler-Beau Viktor Leysen aus gutem Hause seine schöne Mitschülerin Tizia nach einer Theaterprobe vergewaltigt? Wenn es so war, muss der Abiturient dann von dem altehrwürdigen Gymnasium verwiesen werden? Eigentlich scheint die Entscheidung schon nach wenigen Minuten klar. Schließlich, so meinen Rektorin und das Gros der Lehrerrunde, handele es sich doch ganz offenkundig um die Erniedrigung einer Schülerin, die sich nach dem Gewaltakt vertrauensvoll an die Schulleitung gewandt habe.

Eine Sicht der Dinge, die sich ändert, als der schwer erkältete, neunte Lehrer des Kollegiums, der Philosoph Dr. Roman Branzger (Hans Rommel) mit überraschenden Erkenntnissen aufwartet. Wie es den Kollegen mit der Tatsache gehe, dass die vergewaltigte Schülerin ihren Vergewaltiger im Vernehmungsprotokoll mit einem Kosenamen bedacht habe, fragt er in die Runde. Die hat sich zuvor erwartbar über Erkennungsmerkmale von Vergewaltigungen, Mitschuld und männliche Dominanz gestritten. Der Fein geistige, rede gewandte Branzger vermutet dagegen, dass hinter der Anzeige von Tizia Enttäuschung steckt.

Aus der anfänglichen Entrüstung der Lehrerkollegen wird nun ein Paradigmenwechsel. Plötzlich spricht die Frauenaktivistin über eine Jahre zurück liegende Vergewaltigung in Afrika, auf einmal räumt der Welt läufige Geschichtslehrer ein, wie schön er die Tizia findet. Und der eloquente Philosophielehrer bricht nun mit dem Geheimnis, dass der schöne, unter Verdacht stehende Schüler ihn Romy nennt — in Anspielung auf seine Homosexualität.

Wie geht Autorität, wenn einem der eigene Schüler schmeichelt? Wie geht Neutralität, wenn man die Unabhängigkeit eines Schülers bewundert und zugleich beneidet? Wie geht der Umgang mit einer selbstbewussten Schülerin, wenn man seine eigene Sexualität vor allem als Erniedrigung erlebt? Schwere Kost, die der Katafalk-Regisseur Bernd Köhler mit witzigen Verschnaufpause bewundernswert eindringlich in Szene setzt.

Man nimmt den Akteuren ihre Zerrissenheit ab. Die Versuche, die eigene Fassade zu retten, scheitern allesamt, nicht zuletzt, weil sie von der Schwere der Ereignisse zunichte gemacht werden. Den anderen etwas vor zu spielen, das geht im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr. Schließlich befreien sich einige Lehrer von ihrer Zerrissenheit, andere bleiben versunken in ihrem Gefühlsdschungel, den der Schüler bei ihnen ausgelöst hat.

Wenn es so hervorragende Schauspieler wie die Katafalken sind, die einem dieses durchaus schmerzhafte Prozedere mit viel Können vorspielen, könnte die Selbstreflexion in Zukunft womöglich leichter fallen. Zumal die Gerichtsrunde zu keiner einstimmigen Entscheidung kommt. Es bleiben Fragen: Wer stand nun eigentlich vor seinem Richter? Der Schüler oder die Lehrer?




Am 24. 11. 2009 in der "Schwäbischen Zeitung", Leutkirch

Die Richter durchwandern das eigene Ich

LAUPHEIM — Des Menschen Urteil über andere spiegelt immer auch eigenes Erleben, eigene Sehnsüchte und Enttäuschungen. Der Dramatiker Bodo Kirchhoff thematisiert dies in seinem Stück "Lehrernacht", mit dem das Theater "Katafalk" am Samstag in Laupheim brillierte.

Von unserem Redakteur Roland Ray Lehrerkonferenz — ist ein drögeres Szenario vorstellbar? Bei Weitem, denn kaum betreten die neun Pädagogen die Bühne, steigen vor dem geistigen Auge des Zuschauers Bilder auf: Den einen oder anderen Typ Lehrer kennt man aus der eigenen Schulzeit, zum Glück oder zur Genüge. Welch unverhofftes Wiedersehen!

Der "Katafalk"-Regisseur Bernd Köhler spielt wirkungsvoll mit den Charakteren. Die Rektorin (Traudel Gerstlauer) ist ganz bleierne Verantwortung, der Biologe (Rudolf Renner) denkt bevorzugt in Naturgesetzen, der Geschichtslehrer vom Schlag Toskana-Fraktion (Axel Kösters) schwankt zwischen jovialer Liberalität und beißender Ironie. Anja Landenberger gibt eine fesche Junglehrerin, Tanja Möck die schnippische Emanze, Benn Kobler den ermatteten Alt-68er. Waltraud Balmer verkörpert die überforderte Lehrerin-Mutter-Ehefrau und der Lokalmatador Didier Schniegel ein bajuwarisches Mannsbild. Sie sollen an einem Winterabend (die Heizung, wie könnte es anders sein, streikt) in einem delikaten Fall entscheiden: Hat der Schüler Victor Leysen nach der Theaterprobe seine Mitschülerin Tizia vergewaltigt? Muss er der Schule verwiesen werden?

Eindeutig scheint der Fall keineswegs, manches deutet auf eine shakespearehafte Verwicklung: halb zog er sie, halb sank sie hin. Die Pädagogen umkreisen den Fall, bis der Neunte im Bunde, Dr. Roman Branzger (gespielt von Hans Rommel), die Diskussion mit seinen Einwürfen unversehens auf eine andere Ebene hebt. Reihum bröckeln nun die Fassaden, gescheiterte Lebensentwürfe brechen auf, individuelle Einsichten, Ängste, Affären und Wunden beim Thema Sexualität beeinflussen die Urteilsfindung.

"Der Mensch ist mehr als Biologie", hält Branzger seinen Kollegen entgegen und erinnert mit Wehmut an jugendliches Ungestüm und an die Macht des Verlangens: "Liebe hält sich an keine Gesetze, keine Regeln, kein Geschlecht — auch nicht an dieser Schule." Und wie objektiv kann man sein, wenn man sich von Victor Leysen als Frau geschmeichelt fühlt wie die Rektorin, seine Unangepasstheit bewundert oder selbst Opfer einer Vergewaltigung war?

Immer tiefer tauchen die neun Lehrer in ihr eigenes Seelen-Labyrinth ein, selbstquälerisch und selbstbefreiend zugleich. Das Theater "Katafalk" nimmt sein Publikum mit auf diese Reise, an einem nach vorn geneigten, hinten erhöhten Tisch, der einen stets ungehinderten Blick auf alle Akteure erlaubt. Kein einfacher Stoff, der freilich durch Situationskomik und Lehrerklischees durchbrochen wird, die Raum zum Durchschnaufen lassen. Ein Stoff, der zum Nachdenken anregt über das eigene Konditioniertsein.

Die "Katafalken", im Brotberuf durchweg Pädagogen, erzählen die Geschichten hinter der Geschichte in packender Manier. Mit "Lehrernacht" stellen sie einmal mehr ihre Vielseitigkeit und ihr enormes schauspielerisches Potenzial unter Beweis.




Interview am 14. 11. 2009 in der "Schwäbischen Zeitung", Leutkirch

Lehrer spielen Lehrer - eine Rolle mit Tiefgang

SZ-Interview LAUPHEIM (bb) - Zum vierten Mal spielt das Theater "Katafalk" in Laupheim. Das Ensemble besteht aus lauter Pädagogen und Lehrern. Didier Schniegel, der am Carl-Laemmle-Gymnasium unterrichtet, ist schon seit mehreren Jahren mit von der Partie. Bei der aktuellen Inszenierung, die am 21. November in der CLG-Aula zu sehen ist, haben sich die "Katafalken" auf ungewohnt gewohntes Terrain begeben: Das Stück trägt den Titel "Lehrernacht".

SZ: Herr Schniegel, in diesem Jahr dreht sich im Stück alles um Lehrer. Ist das eher schwieriger oder leichter, seinen eigenen Berufsstand darzustellen?
Schniegel: Das Theater "Katafalk" hat in den vergangenen zehn Jahren schon neun Stücke aufgeführt. Die Thematik "Lehrer" haben wir immer weit von uns geschoben; wir wollten was anderes machen. Bisher waren das skurrile Stücke oder auch mal eine Komödie, meist aber Gesellschaftskritisches mit einer gehörigen Prise schwarzen Humors. Das Stück "Lehrernacht" von Bodo Kirchhoff hat uns aber fasziniert, obwohl es um die Schule geht.

Ist es eine Komödie wie die "Pauker-Filme" der 60er-Jahre?
Nein, es handelt sich um ein ernstes Stück mit Tiefgang. Am Anfang werden natürlich die üblichen Klischees bedient, die den Lehrerstand umgeben, aber diese Fassade bricht dann auf und man begegnet den Menschen, die dahinterstecken.

Verraten Sie uns etwas zum Inhalt?
Das Stück ist ungefähr aufgebaut wie der Film "Die zwölf Geschworenen". Neun Lehrer sitzen Gericht in einer Schulkonferenz und sollen klären, ob der Schüler Viktor seine Mitschülerin Tizia wirklich vergewaltigt hat. Zuerst kommt jeder mit einer vorgefertigten Meinung daher und will möglichst schnell nach Hause, aber nach und nach drängen die eigenen Enttäuschungen ans Tageslicht; gescheiterte Lebensentwürfe brechen auf, und es kommt zu Outings im Kollegium.

Ist es schwierig, als Lehrer einen Lehrer darzustellen?
Das war gar nicht mal so schlimm (lacht). Gerade auch, weil hier Menschen und nicht Marionetten dargestellt werden. Aber man muss schon die Figur gegen den Strich bürsten, um am Anfang die Klischees zu bedienen, bevor man in die Tiefe geht.

Können Sie sich mit Ihrer Figur identifizieren?
Ich spiele einen relativ dumpfen Sportlehrer. So bin ich nicht; persönlich würde ich mich da in Grund und Boden schämen. Aber in der Rolle macht es auch Spaß, mal über die Stränge zu schlagen. Trotzdem legt man natürlich immer ein Stück seiner Persönlichkeit mit hinein.

Die ersten Aufführungen sind bereits vorbei. Wie waren die Publikumsreaktionen?
Sehr gut. Nach der Aufführung haben einige gesagt: "Genau so einen Lehrer hatte ich auch." Und die jugendlichen Zuschauer meinen teilweise: "Boah, so einen Lehrer hätte ich auch gern" - oder das Gegenteil. Die Leute übertragen die Charaktere also durchaus in die Realität.




Am 14. 10. 2009 im "Schwäbischen Tagblatt"

Hier kommt alles auf den Tisch

VON FABIAN ZIEHE

"Twelve angry men" lautet der Originaltitel eines Kultfilms - zu deutsch, mäßig gelungen, in "Die zwölf Geschworenen" übersetzt. Denn "angry" verweist zugleich auf den Seelenhaushalt der Geschworenen, die in dem Streifen über einen jungen Mann zu Gericht sitzen. Eine ähnlich psychologisch delikate Situation zeichnet "Lehrernacht" von Bodo Kirchhoff nach.

Die Konfiguration des Kammerspiels erinnert an den Film - nur sind es nun neun statt zwölf "angry (wo)men". Gerichtsaal ist das Lehrerzimmer, das mögliche Strafmaß Schulausschluss.

Die Jury ist ein Kollegium mit markanten Charakteren - so markant, dass sie knapp an Klischees vorbei schrammen: Etwa der tumbe Sportlehrer Graf ("Porno-Graf"), die bissig-verbiesterte Rektorin ("TseTse") oder der schwule Philosophielehrer Dr. Branzger ("Romi").

Der Delinquent, der Oberstufenschüler Victor, trägt seinen Namen zurecht: Er ist ein Sieger-Typ. Einnehmend, sagen die einen, manipulierend, sagen die anderen. Vordergründig geht es um sein Schäferstündchen mit der Mitschülerin Tizia - oder war es doch eine Vergewaltigung? Hintergründig kommen die Seelenqualen in der werten Lehrerschaft zur Sprache - ein Feuerwerk an Outing, Lamento und Selbstreflexion. Gericht gehalten wird eigentlich über sich selbst - ein erprobtes und stets reizvolles Motiv.

Das Bühnenbild ist spartanisch: Türen sind angedeutet, der Hintergrund bleibt schwarz. Ein Porträt erinnerte an den Namen der Schule wie auch an den wiederholt rezitierten "Hyperion": "Hölderlin-Gymnasium" - der Bezug zu Tübingen ist wohl nicht ganz unwillkommener Zufall.

Angelpunkt der Szenerie ist ein wuchtiger, trapezförmiger, fast dreieckiger Tisch. Geneigt zum Publikum bietet er Oberfläche und Transparenz: Hier kommt alles "auf den Tisch". Konflikt, Wortgefecht, Störung, Anfeindung, Aussprache: Die Darsteller knüpfen ein komplexes kommunikatives Netz. Die Debatten zwischen Philosophielehrer Branzger (Hans Rommel) und Deutschlehrer Stern (Axel Kösters) weisen Witz wie Tiefgang aus. Traudel Gerstlauer als Rektorin Cornelia Cordes entwickelt gelungen die Rolle eines advocatus diaboli, der taktisch und manipulativ ans Werk geht. ...

So gab es keine nennenswerten Längen in den anderthalb Stunden Spielzeit. Die 80 Premierenbesucher zeigten sich amüsiert wie bewegt. Die Handlung glitt selten ins Banale ab. Doch bei aller Entwicklung überraschte das Stück am Ende nicht, in dubio pro reo? Mag sein. Doch: Wer war nun eigentlich angeklagt? Oder frei nach Dürrenmatt: Wer war Richter, wer Henker?