Pressestimmen


Am 1. 11. 2010 in der "Schwäbischen Zeitung", Laupheim

Wenn die Dritte Welt in den Garten einfällt

VON ROLAND RAY Früh kündigt sich an, dass der Abend einen unerwarteten Verlauf nehmen wird. "In der Hecke saß ein großes Tier", glaubt einer der Gäste von Bernd Fütterer beobachtet zu haben. Selbiger, Direktor eines ominösen Sprachinstituts, hat seine Mitarbeiter zum jährlichen Sommerfest in seinen Garten geladen.

Auf dem Rasen tummelt sich ein intriganter Kleinbürgerhaufen, zerteilt in Seilschaften, Feindschaften, Liebschaften, angefressen von Missgunst und Verunsicherung. Benn Kobler gibt einen selbstgefälligen Direktor, er bramarbasiert über die Köpfe aller hinweg, hält sich für unersetzlich ("ich selbst wollte auch nicht nach mir kommen"). Die Untergebenen hängen an seinen Lippen, krampfhaft bemüht, an der richtigen Stelle zu lachen: die aufgekratzte Iris (Waltraud Balmer sprudelt proseccogetrieben wie ein Wasserfall); der Herr Jossi von drüben (in Achherrje-Achherrje-Manier: Axel Kösters); sein Intimfeind Herr Sommer (Hans Rommel als scharfzüngiges Nervenbündel); die Praktikantin Olga (Anja Landenberger versprüht russische Seele); der zackige Herr Kanopke Rudolf Renner). Nicht zu vergessen Robert Mückenmüller: Didier Schniegel spielt diesen Fatzke, der grob ist zu seiner Frau (Tanja Mock als Heimchen, das nach Alkoholgenuss aufdreht und sich emanzipiert) und aus dem Stegreif erklärt, wie er die angehäuften Wortschätze des Instituts schützen will: mit elektronisch gesteuerten Schlüsseln und Türen, die den Fundus auf Festplatten zur Festung machen.

Das Amateur-Ensemble "Katafalk" spielt eindringlich, mit großer Präzision und sicherem Gespür für Stimmungen, die stetig wackliger werden. Denn plötzlich tritt die Unbekannte durch die Hecke, in Lumpen, und berichtet vom Krieg, der in den Nachbargärten tobt. Bärbel Schwerdts Augen irrlichtern, sie spricht in Menetekeln wie eine griechische Seherin. Das irritiert die eitlen Hanswurste, die sich instinktiv gegen sie verbünden, indes ihre Hahnenkämpfe umso heftiger austragen, und gibt sie vollends der Lächerlichkeit preis.

Der Regisseur Bernd Köhler zeichnet ein scharfes Bild zweier Welten, das den Betrachter zum Interpretieren einlädt. Die Festgesellschaft mutet wie eine Festung Europa an, die es vorzieht, keine Notiz zu nehmen von Not und Elend in der Welt und die Schotten dicht macht gegen Flüchtlingsströme. Die Ignoranten in dieser Festung sind pikiert, "wenn sich mitten im Garten so eine Dritte Welt aufbaut"; sie verlieren die Balance, wenn das Unwetter näher kommt; sie wähnen sich unbeobachtet (Gobelintüll täuscht eine mit Gardinen bestückte Fensterfront vor, die die Figuren dahinter gleichsam abstrahiert) und beobachten mit einer Mischung aus Abscheu und Verunsicherung, wie die Fremde im Freien einen Wolkenbruch überdauert.

Wird, wer im Warmen sitzt, die Frierenden je verstehen?




Am 23. 11. 2010 in der "Südwest Presse", Regionalausgabe Illertal

Wenn Mitarbeiter "tot gelobt" werden

VON JOHANNES BRAUN Gartenpartys gelten gemeinhin als unterhaltsam, wenn auch oberflächlich. Der Hang zur Bedeutungslosigkeit der Gespräche erhöht sich noch, wenn sich Mitarbeiter einer Firma treffen, die ansonsten privat eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Dann werden in "Small talks" bestenfalls Belanglosigkeiten ausgetauscht. Jeder wahrt den Schein, keiner will sich eine Blöße geben.

Diese Stimmung verbreitete auch das Theater "Katafalk", als es im Wainer Kulturstadel "Die Kriegsberichterstatterin" aufführte. Der Direktor eines Sprachinstituts lud seine Mitarbeiter zu einer solchen Gartenparty ein, um wieder einmal den Mitarbeiter des Jahres zu küren. Doch die Kollegen sind sich nicht wirklich grün: hier eine versteckte Spitze, dort ein kleiner verbaler Hieb. (...)

Mitten in diese skurrile Oberflächlichkeit platzte die "Kriegsberichterstatterin" hinein. Matt und fassungslos erzählte sie von den Kriegen in den Gärten der Nachbarn, ohne dabei allerdings Details preis zu geben. Zunächst machten sich die Mitglieder des Instituts lustig über den Eindringling und die Kriegsgeschichten. Doch nach und nach stürzten die menschlichen Fassaden in sich zusammen, und der Krieg in des Direktors Garten tobte.

Dieses Kippen des Theaterstücks von Autorin Theresia Walser vom Komödiantischen zum Absurden vollzogen die Darsteller des Theater "Katafalk" mit spielerischer Leichtigkeit. Aus den versteckten Spitzen wurden offene Stiche, aus den kleinen Hieben echte Keulenschläge. Menschliche Klüfte zeigten sich: Seilschaften wurden mit Feindschaften konterkariert, Misstrauen mit Neid und heimliche Liebschaften mit Zukunftssorgen. So gelang Regisseur Bernd Köhler mit seinen zehn Darstellern eine starke Umsetzung des schweren Stoffs, der die Besucher im bis auf den letzten Platz gefüllten Kulturstadel zum Nachdenken über Kleinkriege und wirkliche Kriege anregte - auch und vor allem im eigenen Garten...