Pressestimmen

Am 28. 10. 2011 in der "Schwäbischen Zeitung", Laupheim

Theater "Katafalk" spielt in Schäfers Kulturstadel "Hilfe, das Volk kommt"

Von Roland Ray

WAIN – Schrill, grotesk, provokativ: Das sind Markenzeichen des italienischen Autors Dario Fo. In seinen Bühnenstücken wirft er ein Schlaglicht auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, seziert und geißelt sie mit den unterschiedlichsten Mitteln. Das reicht von Satire bis Revue, von volkstümlich bis absurd.

Das Theater "Katafalk" hat ein Faible für solche Stoffe. Die neuste Inszenierung der ambitionieren Hobbyschauspieler, Fos politische Farce "Hilfe, das Volk kommt", war jetzt in Schäfers Kulturstadel in Wain zu sehen. Wir ziehen schon allein deshalb den Hut, weil es dem Ensemble gelingt, aktuelle Bezüge zuhauf in das Stück von 1993 einzuflechten.

Obschon: Was hat sich seit damals eigentlich geändert? Wird sich manches überhaupt je ändern? Korrupte Politiker, bestechliche Beamte, organisiertes Verbrechen, skrupellose Wirtschaftsbosse: alles sattsam bekannt. Unter der Regie von Bernd Köhler präsentieren die Schauspieler ein Panoptikum der Sündenfälle, Machtgelüste, Eitelkeiten. Das größte Verdienst ihrer Spielkunst aber ist, dass der Zuschauer staunend gewahr wird: Im richtigen Leben geht es mindestens genauso übel zu – nein, noch viel schlimmer. "Der Irrwitz der politischen Realität und des Theaters müssen sich gegenseitig mehr übertrumpfen", lässt Fo den Regisseur in seinem Stück fordern. In Zeiten raffgieriger Spekulanten, taumelnder Volkswirtschaften und sexsüchtiger Ministerpräsidenten kann das Urteil nur lauten: Die Wirklichkeit siegt.

Und zwar unabhängig davon, wer gerade am Drücker ist. Das verdeutlichen die fliegenden Stil– und Rollenwechsel auf der als Wohnzimmer dekorierten Stadelbühne. Fo zeigt die Handlung, die um einen von der Mafia bedrohten italienischen Richter und putschende Geheimdienstler kreist, auf zweierlei Art, als Realsatire und im Stil des Boulevard. Ob der Richter beherrscht–gediegen daherkommt (Rudolf Renner) oder exaltiert–verklemmt (Didier Schniegel mit Wiener Schmäh in der Stimme, ein subtiler Seitenhieb auf die aktuellen Korruptionsfälle in der Alpenrepublik) – er hat Schwarzgeld gehortet. Als ein Blutbad im Parlament das Land ins Chaos stürzt, veranstalten Juristen, Polizistinnen, Agenten, ein Finanzfahnder und eine Sensationsreporterin einen Leichenschmaus – prassend geht die Welt zugrunde. Und als ein Kronzeuge (das Volk?) angeschossen wird, operiert ihn der Richter zwischen Tellern und Gläsern, hinter einem großen weißen Tuch, das die Szene zum schnitterhaften Schattenriss macht, mit Medikamenten, die "sogar in Somalia" verboten sind. "Ist der OP–Tisch nicht etwas zu kurz?", fragt einer, und der Sog der Assoziationen tut seine Wirkung: Reicht der Euro–Rettungsschirm am Ende vielleicht auch nicht? Weh euch, ihr Schwindler und Betrüger in den Chefetagen, das Volk kommt! Aber kann das noch von Nutzen sein? Das lässt "Katafalk" durchaus offen.

Ein pralles, amüsantes wie verstörendes Stück, in dem sich gar der Papst als moralischer Komplize des Niedergangs outet und abtritt; eine temperamentvolle Inszenierung mit enorm wandlungsfähigen Akteuren. Enorm sehenswert!

Am 25. 10. 2011 in der "Südwest Presse", Regionalausgabe Illertal

Polit-Skandale wie in Italien Turbulentes Theaterstück "Hilfe, das Volk kommt" zeigt Parallelen

VON HELMUT FRANK Der Italiener Dario Fo, ein heute 85-jähriges kulturelles Enfant terrible, hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in seinen verschiedenen Funktionen als Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Erzähler, Komponist, Satiriker und Schauspieler für Skandale gesorgt. 1997 erhielt er den Literatur- Nobelpreis für sein volkstümlich- politisches Agitationstheater. Seine politische Farce "Hilfe das Volk kommt" ist eine perfekte Synthese all seiner skurrilen Ideen.

Nur ein sehr engagiertes und gut funktionierendes Ensemble kann dieses teilweise verwirrende Stück glaubwürdig auf die Bühne bringen. Die Theatergruppe "Katafalk" aus dem Raum Tübingen/Reutlingen wurde diesen Vorgaben voll gerecht und spielte in hervorragender Weise gemäß den Aussagen auf ihrer Homepage "... entspricht unser Stil nicht der allgemeinen Unterhaltungs- und Berieselungsnorm, sondern stellt einen gewissen Anspruch an unsere Zuschauer."

Das Publikum im gut besuchten Schäfers Kultur Stadel erlebte ein Feuerwerk grotesker, toll einstudierter, aber auch spontan improvisierter Szenen, die mit wiederholten Überblendungen zwischen nachgespieltem realem Geschehen und fiktiven satirisch überzeichneten Gedankenspielen durchsetzt waren. Manche Szenen wurden als von einem Regisseur begleitete Theaterprobe inszeniert mit plötzlichen Rollenwechseln und vorher nicht festgelegten Dialogen. So entwickelte sich ein facettenreiches Zerrbild der italienischen Skandalrepublik – Mafia, Berlusconi, Richter, Anwälte, Industrielle und korrupte Journalisten – alle bekamen ihr Fett weg. Immer wieder wurden scheinbar zusammenhanglos Namen oder Ereignisse in den Text eingestreut, die zeigten wie nah unser eigenes Land den italienischen Verhältnissen ist. Korruption bei großen Bauvorhaben (Stuttgart 21), gegenseitige Beschimpfungen (Pofalla), die übergroße Macht der Banken oder unfähige Politiker, die den Volkswillen missachten.

Über allem schwebte gewissermaßen die Maxime von Fo: "Der Irrwitz der politischen Realität und der Irrwitz des Theaters müssen sich gegenseitig übertreffen." Ob im Nachspielen eines geplanten Autobomben-Attentats auf einen hohen Richter, der Razzia eines Finanzpolizisten, der dabei zu Tode kommt oder bei improvisierten Fernseh-Nachrichten oder Rundfunkdurchsagen, die von einem fiktiven Staatstreich und dem Rücktritt des Papstes berichten – stets muss das Publikum auf Überraschungen, ekelerregende Szenen oder hitzige Redeschlachten gefasst sein.

Als sich das politische Chaos ins Unermessliche zu steigern schien, beendeten die Schauspieler abrupt ihr Spiel und begannen eine hitzige Diskussion über einen sinnvollen Schluss des Stückes. Muss man die Zuschauer zum Aufstand gegen die mafiösen Strukturen in Politik und Staat anstacheln? Am Ende blieb alles offen - ganz im Sinne von Dario Fo.

Fazit: Es war ein eindrucksvoller Theaterabend in Wain, für den Theo Kobler das bestens disponierte Ensemble "Katafalk" in Schäfers Kulturstadel eingeladen hatte.