Pressestimmen


Am 30. 11. 2012 in der "Schwäbischen Zeitung", Laupheim

"Okaaaaay" - die Seele brennt

Das Theater "Katafalk" glänzt mit einem Stück über Menschen hinter ihrer Fassade

Von Roland Ray

LAUPHEIM - Sollten wir jemals psychotherapeutische Hilfe benötigen, dann bewahre uns gnädige Fügung vor einem solchen Schicksal! Vor einer angeblichen Therapeutin, der einzig die Kohle wichtig ist, nicht der Patient. Und - die Feder sträubt sich - vor einem investigativen Journalisten, der uns für seine Zwecke instrumentalisiert. Beides widerfährt den Teilnehmern einer gruppendynamischen Sitzung in der wirklich kohlrabenschwarzen Komödie "Doktor Fell oder Sag die Wahrheit" des irischen Dramatikers Bernard Farrell. Das Theater "Katafalk" hat sie in der CLG-Aula aufgeführt und die Charaktere in bemerkenswerter Weise seziert: feinfühlig und abgründig, mit wachem Verständnis für Zwischenräume.

Farrells Stück darf als Kritik am Hokuspokus gewisser Therapeuten verstanden werden, auch an einer verdächtig amerikanischen Art, Probleme zuzukleistern. "Okaaaaay", beginnt Susan so ziemlich jeden Satz, egal wie ihren Patienten zumute ist. Mit der Phrase "relax, relate, communicate" tritt sie jedwede Not in die Tonne. Tanja Möck interpretiert die Rolle entsprechend großspurig. Susan löst Sudokus, statt Protokoll zu führen; doch die Großspurigkeit kippt in Hilflosigkeit, als das penetrante "Okaaaaay" die lodernden Seelen um sie herum nicht mehr zu löschen vermag.

Recht unterschiedliche Menschen haben sich zur Sitzung eingefunden. Der intellektuell versponnene Künstler Rüdiger (köstlich: Axel Kösters); die ältliche Witwe Rita, auf Katzen und die Trauer um ihren verstorbenen Gatten fixiert (umwerfend: Traudel Gerstlauer); der Bauunternehmer Peter, keinem Seitensprung abgeneigt, aber seiner Frau Marion Unkeusches unterstellend (Didier Schniegel als Doppelmoralist, Waltraud Balmer als verunsichertes Heimchen) - und Hans, Hans Fell, stotternd zuerst, zutiefst unsicher wirkend, und vor allem undurchsichtig in Wort und Tat (grandios: Rudolf Renner).

Der Putz bröckelt

Der Pragmatiker Peter tut unbewusst kund, was in Bälde über die Gruppe hereinbrechen wird. Er inspiziert die Wände und urteilt: "Der Putz verdeckt manch schlampige Arbeit." Und des Menschen Fassade manch innere Not, manches unbewältigte Trauma, manches charakterliche Defizit, manche Lebenslüge, manche Aggression. Das alles bricht Hans mit seinen überfallartigen Auftritten auf; sie wirken irrlichternd und sind doch kühl kalkuliert, führen Susans angebliche Kompetenz ad absurdum und lassen Hans als den eigentlichen Seelen-Analytiker erscheinen.

Doch oh weh, er verabschiedet sich mit einer Zeitung wedelnd - ganz zum Schluss wallrafft der Zuschauer, welches Spiel dieser Mann spielt. Einzig der kluge Hausmeister Michel (nach dem Motto "mehr wissen als man sagt": Hans Rommel) könnte ihn von Anfang an durchschaut haben. Doch auch das bleibt im Vagen.

Eine tolle schauspielerische Gesamtleistung unter der Regie von Bernd Köhler. Dafür ein ganz und gar unzweideutiges Okaaaaay!